Verfasst von am 1. Juni 2017

Ein Ferienworkshop mit geflüchteten Schülern in der Gedenkstätte Point Alpha (Rhön) 18.-21.7.2016.

 

Autor:Dr. Hans Prömper

* Literaturhinweis: Dima Zito/Ernest Martin: Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen. Ein Leitfaden für Fachkräfte und Ehrenamtliche. Weinheim und Basel (Beltz Juventa) 2016.
Mitwirkende Referenten und Pädagogische Mitarbeiterinnen: Wolfgang Christmann, Swetlana Daitche, Berthold Dücker, Dr. Hans Prömper, Sebastian Rösner, Felix Rudolph-von Niebelschütz, Frank Schiffhauer, Noura Taibi

Teaser/abstract:
Eine viertägige Ferienfreizeit in der Gedenkstätte Point Alpha an der ehemaligen DDR-Grenze wird im Sommer 2016 für eine Gruppe Frankfurter Schüler_innen zu einer nachhaltigen Begegnung mit deutscher Geschichte und Kultur. Ort, Unterbringung, Programm und Gespräche mit Zeitzeugen lassen einen Raum der Wertschätzung entstehen, welcher in einer Atmosphäre der Zuwendung und Anerkennung den Geflüchteten das Ansprechen eigener Erfahrungen, Themen und Lebenswünsche ermöglichen: Was ist Würde und Freiheit? Warum flieht jemand? Welche Fluchterfahrungen und Freiheitswünsche teilen die Generationen der älteren Einheimischen und der jungen Zuwanderer_innen? Das Resümee verdeutlicht die besondere Resonanz des Ortes „Point Alpha“, vor allem aber der Begegnung zwischen älteren herkunftsdeutschen Männern und jungen Geflüchteten.

Der Ort der Erfahrungen: Point Alpha

Point Alpha an der ehemaligen innerdeutschen DDR-Grenze an der Rhön: Das war im Kalten Krieg zwischen Ost und West der neuralgische Punkt, an dem die westlichen Militärs am ehesten einen sowjetischen Panzerangriff erwarteten – der sich dann bis ins Rhein-Main-Gebiet erstreckt hätte. Deswegen war dies ein besonderer Punkt, an dem sich US-amerikanische Soldaten und DDR-Grenztruppen unmittelbar, Auge in Auge, Turm gegen Turm gegenüberstanden. Heute sind dort die Grenzanlagen noch erhalten, konkret als Gedenkstätte „Point Alpha“ zwischen Hessen und Thüringen.
Dort bin ich in den letzten Jahren mehrmals mit Gruppen gewesen – im Rahmen von sozialer und politischer Erwachsenenbildung. Die Gruppen unterschieden sich im Alter und der sozialen Lage der Teilnehmer_innen; aber immer mit dabei waren Migranten_innen verschiedener Einwanderungsgenerationen und  Flüchtlinge.
Für diese war der Ort sehr interessant, wie ich erfahren konnte: Point Alpha hat bei den Arbeitsmigranten_innen und Geflüchteten Erinnerungen geweckt und Parallelen aufgezeigt. Dieser Ort, der über 30 Jahre Todesstreifen war, die innerdeutsche Grenze mit Selbstschussanlagen, Hunden, Minenfeldern, etc. Was haben dieser Ort und die Gespräche mit Zeitzeugen (z.B. ehemalige westdeutsche Bundesgrenzschutzbeamte, ehemalige Bewohner des Sperrgebiets, DDR-Flüchtlinge) bei den Migranten_innen bewegt? Davon möchte ich erzählen. Jeweils aus der Sicht und mit den Worten von Migranten_innen und Geflüchteten heute.

Erfahrungen und Resonanzen:

Eine ältere Migrantin, jetzt im Ruhestand, sie gehört zu den Arbeitsmigranten_innen aus Italien, Spanien etc. in den 60er und 70er Jahren:
„Also diese Grenze. Ich habe immer Angst gehabt. Angst, dass ich hier in Deutschland erwischt und zurückgeschickt werde. Weil ich keinen gültigen Pass hatte, keine Aufenthaltsgenehmigung. Diese Angst hat mich ständig begleitet. Hier erinnere ich sie wieder. Ich bin froh, dass ich jetzt legal in Deutschland sein darf. Das ist ein gutes Gefühl.“

Eine ältere Altenpflegerin aus Eritrea, sie war mit ihren Eltern vor dem Krieg geflüchtet:
„Ich kann diese alten Menschen, die ich betreue, gut verstehen. Wenn sie von ihren Ängsten im Krieg und auf der Flucht nach dem zweiten Weltkrieg erzählen. Diese Gefühle und Ängste kenne ich. Ich habe sie auch gehabt. Auch diese Unsicherheit der Ankunft und des Neuanfangs hier im Westen. Deswegen kann ich die alten Menschen gut verstehen. Ihre Geschichten berühren mich selber, weil ich diese Gefühle auch erlebt habe.“

Ein Frankfurter Schüler aus Syrien, der vor 8 Monaten als Flüchtling nach Deutschland kam:
„Dieses Gespräch mit dem Zeitzeugen hat mir sehr gut gefallen. Das hätte ich nicht gedacht. Dieser heute alte Mann war damals 16 Jahre, als er über die DDR-Grenze durch das Minenfeld nach Westen geflohen ist. Ganz alleine. Es war seine Entscheidung, er durfte niemandem davon erzählen, sonst wären seine Eltern gefährdet gewesen, ins Gefängnis gekommen. Nur mit einer Zange kroch er durch das Minenfeld und hat den Stacheldraht zerschnitten. Das war sehr gefährlich, er hätte sterben können. Aber er hat es geschafft. Und er kam im Westen in das Aufnahmelager Gießen. Das kennen wir. Dort waren wir auch. Jahrzehnte später.“

Ein Schüler aus Afghanistan ergänzt:
„Dieser Herr hat keine Banane gekannt. Das war ihm fremd. Er dachte, das wäre ein Brot. Bis ihm jemand sagte, dass das eine Banane ist und wie er diese essen muss. Solche Schwierigkeiten mit der Sprache und den Bedeutungen und den fremden Dingen kennen wir auch.
Uns hat auch beeindruckt, dass er viele Jahre seine Eltern nicht sehen konnte. Er war ganz auf sich allein gestellt, in einer fremden Umgebung, unter fremden Menschen. Viele von uns Flüchtlingen kennen das auch. Viele sind alleine, ohne Eltern und Familie hier.“

Und eine aus Afghanistan geflüchtete Schülerin entdeckt für sich eine Übereinstimmung:
„Frei sein können. Dieser Mann ist mit 16 Jahren geflohen, weil er frei sein wollte. Weil er diese Unterdrückung seiner Gedanken nicht mehr ertragen hat. Weil er einen Beruf ausüben wollte, der ihm Spaß macht (Anm.: Journalist), den er dort in der DDR nicht ausüben konnte. Weil es dort keine Wahrheit gab. Dass er deswegen geflüchtet ist, das hat mich beeindruckt. Auch ich möchte hier in die Schule gehen und studieren. Das ist für mich ein großes Ziel. In Afghanistan darf ich das nicht, die Taliban sind dagegen, dass wir Mädchen etwas lernen. Die sagen, Mädchen brauchen das nicht.“

Mich haben diese Geschichten sehr berührt. Sie zeigen und machen mir deutlich, warum viele Menschen in Deutschland sich für Flüchtlinge engagieren, immer noch. Weil wir Unfreiheit, Diktatur, Vertreibung, Flucht, auch Flucht in die Freiheit kennen. „Gott sei Dank! Das haben wir hinter uns“, sagen sie. „Aber es gehört zu uns“. Deshalb sind dieses Wissen und dieser Dank für viele Helfer_innen auch heute noch Motiv und Beweggrund, um anderen Menschen eine Heimat zu bieten.

Das Modellseminar mit Geflüchteten – Nachahmung empfohlen

Der Tagungsort:
Im Hintergrund stand die Erfahrung, dass der Erinnerungs- und Gedenkort „ehemalige DDR-Grenze“ bei alten und neuen Zugewanderten spezifische eigene Erinnerungen und Resonanzen auslöst. Daraus reifte die Idee, dass dies alles andere als ein gewöhnlicher, banaler Ort für einen Ferien-Workshop mit Schülern_innen mit Fluchthintergründen sein könnte. Seminarort ist Akademie und Gästehaus der Stiftung und Gedenkstätte „Point Alpha“ im ehemaligen fürstlichen Schloss in Geisa (http://pointalpha.com/). Die Unterbringung der Schüler_innen erfolgt in Hotelzimmern mit Dusche/WC in 3-Bett-Belegung. Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Gruppenfahrschein ICE, Regionalbahn, Bus).

Zielgruppe, Kooperationspartner, Förderer:
Zur Teilnahme angemeldet haben sich 7 Schülerinnen und 5 Schüler der IGS West in Frankfurt-Höchst, welche sich seit 6 bis 8 Monaten als Geflüchtete in Deutschland aufhalten, sowie drei ehrenamtlich Mitarbeitende. Sie werden über bestehende Kontakte zu Schulsozialarbeitern_innen angesprochen. Die Gruppe ist bewusst klein gehalten. Die Schüler_innen kommen u.a. aus Afghanistan, Russland, Rumänien. Die Teilnahme ist kostenfrei, ermöglicht durch eine 100%-Förderung aus dem Bundesprogramm „Kultur macht stark“ (siehe unten).
Kooperationspartner sind Caritasverband Frankfurt e.V. – Fachdienste für Migration, Team Höchst, Katholische Erwachsenenbildung Frankfurt und die Point Alpha Akademie.
Konzeptentwicklung und Finanzierung erfolgt im Rahmen des Frankfurter Bündnisses für Bildung „Kulturferien“, das von den Kooperationspartnern Katholische Erwachsenenbildung Frankfurt (KEB), Familienzentrum Monikahaus des Sozialdienstes katholischer Frauen Frankfurt e.V. (SkF) und Caritasverband Frankfurt e.V. – Fachdienste für Migration, Team Höchst getragen wird.
Das Bündnis der „Kulturferien“ wird aus dem Projekt „Kulturbotschafterinnen und Kulturbotschafter im Sozialraum – Kultur und Medien im Alltag“ im Förderprogramm  „Kultur macht stark! Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Träger des Projekts sind die Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke in der Bundesrepublik Deutschland (AKSB), die Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung Deutschland (AKF) und die Katholische Erwachsenenbildung Deutschland – Bundesarbeitsgemeinschaft e.V (KEB Deutschland e.V.).

Struktur und Elemente der Bildungsfreizeit:

1. Tag
Nach Anreise und Mittagessen geht es direkt zum Kennenlernen und Austausch unter den Schülern_innen, denn sie kommen teilweise aus unterschiedlichen Schulen und Klassen. Spielerisch werden Namen, Herkunft, bisherige soziale Kontakte untereinander ausgetauscht. Danach erfolgt ein Überblick über das Programm und den Ort „Point Alpha“.
Mit dem Bus geht es dann zur Gedenkstätte „Haus auf der Grenze“. Eine Führung verschafft einen Überblick über die Dauerausstellung zum Ost-West-Konflikt und ermöglicht individuell vertiefende Beschäftigungen mit Hörstationen zu Zeitzeugen_innen, Informationstafeln zum Leben im ehemaligen Sperrgebiet vor der DDR-Grenze, etc. Die Gespräche mit und unter den Schülern_innen entzünden sich aber vor allem vor der Weltkarte und den Tafeln zum geopolitischen Großkonflikt (Kalter Krieg) zwischen den Supermächten USA und UdSSR und seinen einzelnen „heißen“ Schauplätzen wie z.B. dem sowjetischen Afghanistankrieg (1989). Denn hier können die afghanischen Schüler_innen ihre Kenntnisse und Erfahrungen u.a. mit den Taliban einbringen. Deutlich wird auch, dass viele heutige Konflikte in Afrika, Asien und dem Nahen Osten ihre historischen Gründe im alten Ost-West-Konflikt haben.
Die Ausstellung konfrontiert die Schüler_innen weiter mit dem Grenzregime der DDR: Grenzzaun, Sperrgebiet, Schusswaffengebrauch, Selbstschussanlagen, … Tote.
Die anschließende Wanderung entlang der erhaltenen Grenzanlagen führt zum US-Camp mit US-Aussichtsturm. Der Blick vom Turm unmittelbar gegenüber den DDR-Grenzanlagen vermittelt einen Eindruck von der militärischen Konfrontation der Großmächte.
Viele sind am ersten Abend sehr müde. Waren es die vielen neuen Eindrücke? Die lange Anreise und das dicht gedrängte Programm? Oder auch schon eigene Erinnerungen an Grenzen und Flucht, welche anstrengen?
Die Schüler_innen reichen sich untereinander eine hochwertige Spiegelreflexkamera weiter und schießen Fotos. Diese Option ermöglicht Distanzierung und reduziert die Anspannung. Aber auch der abendliche Gang zum Supermarkt und die Möglichkeit zu tanzen gewähren Entlastung und Freiräume.

2. Tag:
„Was hat Point Alpha eigentlich mit mir zu tun?“ Darum geht es am zweiten Tag, dessen Einheiten von externen Referenten_innen (Sozialarbeiter_innen/Kommunikationstrainer_innen, Zeitzeuge) angeleitet und begleitet werden. Da geht es zunächst wieder um Kommunikation: Aus vielen Bildkarten eine aussuchen und etwas zu sich sagen; eine andere Person malen, ohne auf das Blatt zu schauen – und in der Gruppe anschließend raten, wer dargestellt ist; auf eine gehörte Beschreibung eines Bildes dieses malen – und sich wundern, welch verschiedene Gemälde dabei herauskommen. Und weitere Übungen.
Interessant wird es dann aber mit der Frage „Was ist das Wichtigste in Deutschland?“ „Die menschliche Würde! Artikel 1 Grundgesetz.“ Aber: Was heißt menschliche Würde? Das ist schon einmal sprachlich nicht so ganz einfach, dieses Wort zu erläutern. Aber die Schüler_innen finden ihre möglichen Antworten dazu: „Dass ich Fußball spielen kann und mir das keiner verbieten kann“; „Dass ich meine Schulausbildung ohne Verbot zu Ende führen kann und niemand kann mir sagen: Du als Mädchen brauchst das nicht“. Im weiteren Austausch geht es um das Thema „Das Recht, auf meine Art zu leben“; Dass kein Mensch Zweck für andere ist oder sein darf, sondern dass jeder Mensch einen Wert in sich darstellt. Alle sind gleich. Es geht um Werte wie Freiheit und Gleichheit, die bei Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus, Missachtung oder Herabsetzung verfehlt werden.

In einem weiteren Schritt geht es um die Frage „Was ist Gewalt?“. Die Schüler_innen hören sich (von der Bundeszentrale für politische Bildung erarbeitete) Beispiele für verschiedene Formen von Gewalt an und positionieren sich dazu auf einer gedachten Linie der Zustimmung oder Ablehnung. Sie sollen nach Möglichkeit ihre Position erläutern und begründen. Interessante bzw. „heiße“ Fälle sind sexualisierte Gewalt, Ablehnung von Wünschen nach Sex, Gewalt in der Erziehung, Beschämung in der Schule, Vaterabwesenheit als Form von Gewalt. Ist es Zufall, dass gerade die Abwesenheit von Vätern von den männlichen Geflüchteten sehr hoch als Form von Gewalt gewertet wird?
Abschließend werden Regeln gewaltfreier Kommunikation nach Rosenberg vorgestellt und es gibt noch einen kleinen Film „Weltformel Liebe“.

Nach so vielen Indoor-Aktivitäten geht es nachmittags raus zu einer Grenzwanderung. Wolfgang Christmann, ehemaliger Bundesgrenzschutzbeamter an DDR-Grenze begleitet die Gruppe kundig als Zeitzeuge. Über zwei Stunden lang führt der Weg vom „Haus auf der Grenze“ entlang dem früheren „Kolonnenweg“ der DDR-Grenztruppen – jetzt teilweise auch Kunstpfad „Weg der Hoffnung“ – zum Wiesenfelder Turm, einem erhaltenen Kommandoturm der DDR-Grenztruppen, der innen besichtigt und in seiner Funktion erklärt wird. Auch wenn es an diesem Nachmittag sehr sonnig und heiß ist, so bleibt doch auf dem Weg sehr viel Zeit für persönliche, auch individuelle, Gespräche mit den Erwachsenen (Christmann, Prömper) nebenher: über die christlichen und politischen Symbole des Kunstpfades, über den Ost-West-Konflikt; aber auch über Vaterbeziehungen und Vaterlosigkeit bei den männlichen Geflüchteten.
Der wiederum sehr volle Tag klingt aus mit einem lockeren Spieleabend im Schloss.

3. Tag:
Dieser Tag war emotional sicherlich der Höhepunkt: Die Begegnung und das Zeitzeugengespräch mit einem im Jahr 1964 aus der DDR Geflüchteten, Berthold Dücker, der im Alter von 16 Jahren über den Grenzstreifen aus der DDR flüchtete, jetzt stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsrates der Point Alpha-Akademie.
Vormittags beschäftigten sich die Schüler und Schülerinnen in kleinen Gruppen – begleitet von den Sozialpädagoginnen und Referenten – mit:

  • Was ist ein Zeitzeuge?
  • Wer ist Berthold Dücker (heute 64 Jahre)?
  • Welche Fragen möchten wir an Herrn Dücker stellen?

Hier eine kleine Auswahl der von den Schülerinnen und Schülern erarbeiteten Fragen, die sie an den Zeitzeugen stellen wollten:

  • Warum sind Sie in den Westen gegangen?
  • Wie war für Sie der Aufenthalt im Flüchtlingslager in Gießen?
  • Wo haben Sie sich im Osten unfrei gefühlt?
  • Wollten Ihre Freunde auch weg aus dem Osten?
  • Wie war es alleine ohne Familie zu leben? Hatten Sie nach der Flucht Kontakt zu Ihrer Familie?
  • Fühlen Sie sich erleichtert, wenn Sie über Ihre Geschichte sprechen?

Wenn ich mir diese Fragen anschaue, dann schwingen in diesen Fragen an den Zeitzeugen über seine Erfahrungen vor 50 Jahren auch die eigenen Motive, Erfahrungen, Gefühle und Lebenssituationen der Schüler_innen, der heute Geflüchteten und Emigrierten mit:

  • Warum verlässt jemand seine Heimat?
  • Was bedeutet Freiheit, Sehnsucht nach Freiheit als Motiv?
  • Über welche Ängste kann ich sprechen? Wer interessiert sich für meine – in einigen Fällen sicherlich auch traumatisierenden – Erfahrungen und Ängste?
  • Wie ging es mir – uns – im hessischen Erstaufnahmelager Gießen? Einem Ort, an dem auch schon vor 50 Jahren Flüchtlinge aufgenommen wurden?
  • Wie war und ist das mit den fremden Sprachen, dem Unwissen zu den neuen, unbekannten, fremden „Selbstverständlichkeiten“ wie Ernährung, Werte, Umgangsformen, Regelungen, Abläufe und Verfahren der Aufnahmegesellschaft? (Warum ist das Beispiel „Banane“ so bedeutsam für die Schüler?)
  • Wie hat das Umfeld auf meine Flucht reagiert? Durfte es davon wissen? Was ist mit den Freunden?
  • Das Alleinsein, ohne Familie: Wie ist dieser Mann damals damit ungegangen, dass er seinen Eltern nichts mitteilen durfte? Dass er seine Eltern über Jahre nicht sehen durfte? (Das sind interessierende Fragen insbesondere aus der Sicht unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter!)

Und vielleicht im Hintergrund als Gedanke und Erfahrung: Da sprechen ältere Menschen (im konkreten Fall drei Männer über 65 Jahre mit jeweils unterschiedlichen Lebensgeschichten) mit uns Geflüchteten. Wieso wenden die sich uns zu? Welche Bedeutung haben wir für sie?
Der Tag klingt aus mit einer kleinen Party, in deren Mittelpunkt gemeinsame Tänze aus verschiedenen Kulturen stehen, die die Teilnehmenden sich gegenseitig vorstellen und zusammen mit Spaß und Begeisterung einüben. Raum für Gespräche bleibt auch.

4. Tag
Dokumentation des Seminars/Ergebnissicherung
Am letzten Tag wird vormittags in zwei Gruppen gearbeitet, in denen jeweils mit anderen Medien Resümee gezogen wird: Was war wichtig? Was hat gefallen und berührt? Was hat es mit dir zu tun? In einer Pressegruppe entsteht eine kleine Powerpointpräsentation, in der auch einige der vielen Fotos, die mit der „Wander-Kamera“ gemacht wurden, Verwendung finden. Eine Filmgruppe erarbeitet knackig kurze Leitfragen und ein Skript, das dann in drei Interviews umgesetzt wird: Drei Schüler_innen lassen sich vor laufender Kamera durch Personen aus dem Team zu ihren Erfahrungen befragen. Eine tolle Leistung, wenn man bedenkt, dass sie erst sechs bis acht Monate in Deutschland sind. Der Film kann hier angeschaut werden.
Nachmittags geht es dann mit Bus und ICE zurück nach Frankfurt, müde, aber voll bepackt mit Eindrücken.

Ein Erfahrungsraum der Resonanz und Anerkennung – gerade auch für junge männliche Geflüchtete

Zu Reflexion und Transfer

Die Schüler_innen haben noch lange Zeit später von Ihrer Reise in die Rhön erzählt. Die vier Tage auf Point Alpha haben nachhaltige Erinnerungsspuren bei ihnen hinterlassen. Sie haben sich in einer Weise mit der Geschichte und Kultur (z.B. historische Architektur, Prägung durch früheres DDR-Sperrgebiet, christliche Symbolik des Kunstpfads „Weg der Hoffnung“) des Landes Deutschland auseinandergesetzt, welche weit über das hinausgeht, was die gewohnte Geschichtsvermittlung im Unterricht als Lernen generiert.
Was hat dazu beigetragen? Wieso entdecken Geflüchtete in der deutschen Geschichte und in der Begegnung mit Zeitzeugen Resonanzen eigener Erfahrungen? Was am Seminar ist eigentlich das Besondere und Nachhallende? Gerade auch für männliche Geflüchtete?

Das sind zunächst allgemein diese Faktoren: Das Andere gegenüber dem gewohnten Sozialraum (Frankfurt-Höchst). Ein kostenfreies und freiwilliges Angebot in den Ferien. Raus aus Frankfurt und dem Gewohnten: Anreise mit ICE und Bus, die Landschaft Rhön mit ihrer ganz anderen Atmosphäre und Gestimmtheit. Der Reiz einer Mischung aus Vertrautheit und Fremdheit in der Zusammensetzung der Gruppe. Die Unterbringung in der Akademie „Point Alpha“ (keine Jugendherberge!) in einem alten Schloss, Hotel-Zimmer mit Dusche und Bad (wenn auch mit Dreier-Belegung), Essen mit Bedienung, eine hochwertige Ausstattung von Tagungsraum und Technik. Die Möglichkeit des Umgangs mit hochwertigen Objekten wie einer Spiegelreflexkamera, die den Teilnehmenden während der ganzen Tage zum abwechselnden Fotografieren in der Gruppe zur Verfügung steht. Medien wie Beamer und Filmkamera kommen zum Einsatz. Der Aufenthalt an Erinnerungsorten, insbesondere der Zugang zu sonst verschlossenen Orten wie einem erhaltenen DDR-Grenzturm von innen. Die intergenerative Begegnung mit Referenten und Zeitzeugen; es waren viele Personen mit wechselnden Hintergründen und Zugängen zu den Jugendlichen. Der gleichberechtigte Umgang miteinander in der Gruppe.

Männerspezifisch, im Blick auf die jungen männlichen Geflüchteten bedeutsam ist aber vor allem der Raum der Begegnung mit den älteren Männern.
Gerade wenn und weil der „Erinnerungsort Grenze“ politische und militärische Gewaltverhältnisse, vielfach wahrscheinlich auch (nicht immer explizit ausgedrückte, aber als Lebenserfahrung mitlaufende) eigene Erfahrungen mit erlittener Gewalt, mit Fluchtgründen, mit Verletzungen, etc. ins Bewusstsein holen kann, ist es insbesondere für die Jungen wichtig, im zugewandten Kontakt mit älteren Männern so etwas wie Bewältigung, Sicherheit und Identifikation erleben zu können. Zudem wird im unmittelbaren Kontakt Rassismus als Machtverhältnisse zwischen Personen und Gruppen, welche mit Mechanismen der Homogenisierung, Naturalisierung, Polarisierung eine hierarchische Ungleichheiten legitimieren und darstellen, unterbrochen. Hier – am anderen Ort, zumindest auf Zeit– steht die persönliche Begegnung im Mittelpunkt und macht wechselseitige Wertschätzung und Anerkennung erfahrbar. Inwieweit dies langfristig zu Erfahrungen der Handlungsfähigkeit, der Resonanz und Anerkennung von Geflüchteten beiträgt, kann hier nicht beurteilt werden. Aber: Aus Erfahrungen der Arbeit mit insbesondere durch Krieg und Gewalt traumatisierten Geflüchteten wissen wir, wie wichtig erfüllte Bedürfnisse nach Sicherheit (nicht nur bei Aufenthalt und Unterbringung, auch im sozialen Kontaktfeld), die Erfahrung von Transparenz, von stimmiger Atmosphäre und „heilsamen Orten“, aber auch Möglichkeiten eines positiven Selbstbildes sind. Traumapädagogen_innen benennen eine weitere Reihe wichtiger Erfahrungen die immer wieder ermöglicht werden sollten: Partizipation und Mitbestimmung, schöne Erlebnisse, bleibende gute Bilder und Erinnerungen, auch durch Zugänge zu interessanten, bedeutsamen und wohltuenden Orten, Einrichtungen und Menschen*.
„Wir müssen berührbar sein, damit Menschen emotional ‚andocken’ können“, schreiben Dima Zito und Ernest Martin in ihrem Leitfaden zur Arbeit mit Geflüchteten.
Ein solcher Raum der Berührbarkeit und des emotionalen Andockens entstand für die männlichen Schüler gerade in der möglichen Begegnung mit älteren Männern in unterschiedlichen Arrangements: Sie (die älteren Männer) waren als Referenten und Begleiter involviert und erzählten von ihren Erfahrungen. Gerade der lockere, nicht beabsichtigte, passagere Kontakt bei Mahlzeiten, bei der zwei- bis dreistündigen Grenzwanderung eignete sich dafür. Es gab viel Zeit zum Laufen, Umherschweifen und Reden in wechselnden Konstellationen. So entstand ein Raum, in dem „beiläufig“ von den Schülern eigene Themen angesprochen und Fragen an die älteren Männer gerichtet werden konnten. Dazu gehörten Fragen nach dem Lebensweg und der deutschen Geschichte genauso wie Fragen nach dem Verhältnis zum Vater und/oder zur Mutter, nach Partnerschaft und Trennung, nach Alleinleben und bleibender Bindung zwischen Eltern und Kindern.

Viele junge männliche Geflüchtete müssen die Trennung von ihren Eltern und möglicherweise ein umgekehrtes Generationenverhältnis verarbeiten: Nicht die Väter und Mütter schützen die Kinder, sondern die Jugendlichen sorgen für ihre Eltern. Den jungen Männern fehlt hier in Deutschland vielfach die reale wie realistische, dauerhafte und signifikante Erfahrung einer oder mehrerer älterer Personen, die sie als leibhaftig anwesende und zugewandte Männer in ihren jeweiligen Facetten ansehen und  spüren können. Dies ist wichtig, da diese Personen Lücken erfahrenen Mannseins füllen können, welche häufig und gezwungenermaßen mit klischeehaft starken und überlegenen (oft auch sexistischen) Bildern vom Mannsein bzw. Männlichkeit gefüllt werden. Hier kann die zugewandte und emotional geprägte Begegnung mit Älteren entgegenwirken. Im Generationendialog zwischen älteren Einheimischen und jungen Geflüchteten entstehen idealerweise Erfahrungsräume eines anderen, primär an Person, Autonomie und Authentizität orientierten Mannseins.
„Im Grunde haben wir alle dieselben Wünsche, Bedürfnisse und Vulnerabilitäten. (…) Erst wenn wir einander erkennen und wertschätzen als Menschen mit Stärken und Schwächen jenseits von definierten Trennungen entlang Ethnie, Religion, Alter, Geschlecht oder anderen Merkmalen, schaffen wir es, ein für alle gutes und würdiges Leben miteinander zu leben.“ (Zito/Martin, Leitfaden, S. 97)
Dazu haben die vier Tage beigetragen. Abkupfern, Nachmachen und Andocken sind sehr erwünscht!

Autor: Dr. Hans Prömper

* Literaturhinweis: Dima Zito/Ernest Martin: Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen. Ein Leitfaden für Fachkräfte und Ehrenamtliche. Weinheim und Basel (Beltz Juventa) 2016.

Film auf https://youtu.be/ZHNxNQA5KEY

Mitwirkende Referenten und Pädagogische Mitarbeiterinnen:
Wolfgang Christmann, Swetlana Daitche, Berthold Dücker, Dr. Hans Prömper, Sebastian Rösner, Felix Rudolph-von Niebelschütz, Frank Schiffhauer, Noura Taibi

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